Thierseer Schneewanderer

Sanfter Winter - was ist das?

Googeln Sie bloß nicht „The Snow Walker“. Denn dann fliegt das gleichnamige Überlebensdrama daher, in dem ein Buschpilot und eine Inuit-Frau durch die endlos weiße Tundra wanken. Damit verglichen, ist eine Schneewanderung in den Tiroler Bergen ein Spaziergang für jedermann ...

... ganz oben auf der Bequemlichkeitsskala. Und so soll es auch sein! Schließlich spielt sich eine Alpen-Winterwanderung auf einem gepflegten Wegenetz zwischen gut erreichbaren Siedlungen ab, nicht im unwirtlichen Norden nahe dem Polarkreis. 

Winterwandern ist eine Freizeitaktivität im Rahmen behüteter Urlaubs-Infrastruktur. Genau gesagt, beginnt das „sanfte“ Schneeabenteuer in Hinterthiersee. Auf dem Sattel oberhalb des Tiroler Inntals, der ob seiner Naturbelassenheit und harmonischen Landschaft auch als Filmkulisse und Postkartenidylle herhält. Dort tritt man aus der wohligen Wärme des Juffing in den Winter hinaus und lässt bald die Hinterthierseer Kirche und die wenigen Siedlungshäuser hinter sich. 

Die Marschrichtung ist eigentlich nicht wichtig – denn Schnee als „Lauf-Band“ breitet sich rundum aus. Schnee liegt entlang der schmalen Wirtschaftswege zu den Bauernhöfen der Gegend. Schnee zum festen Trottoir gepresst ist der offizielle Winterwanderweg neben der Langlaufloipe. Schnee bedeckt auch die Almwege, meist mit Einkehr an deren Ende. Selbst querfeldein gibt es kein Halten: Als Schneeband im Lochmuster vieler Schuhabdrücke säumt ein schmaler Steig den Wald­rand. Während das Auge einem Schneeweg nach dem anderen abtastet, knirscht es unter den Stiefeln. Ganz automatisch setzt man Schritt für Schritt. 

Beschaulichkeit im Rhythmus der Beine

Es ist ziemlich kalt, die Hände graben sich tief in die Jackentaschen. Die Mütze rutscht in die Stirn. Entlang der Sonnseitloipe in Richtung Grub soll es gehen. Eine Runde von zarten drei Kilometern als Einsteiger-Fitness­test und Schuhcheck. Ob die edlen Outdoor-Schnürer nach vielen Monaten im Schattendasein noch passen? Einige Spaziergänger kommen des Weges, zwei Langläufer ziehen ihre Spur. Außer dem leisen Surren, mit dem die schmalen Skier über die Schneerillen scharren, ist nichts zu hören.

Beschaulich – im wahrsten Sinn des Wortes – geht man in eine Landschaft, die im Winterschlaf ruht. Bei den letzten Gehöften hebt sich das Gerüst knorriger Streuobstbäume vom Feld ab, danach steigen weiße Matten auf bis zu einem dunkelgrünen Ruhepol, dem Wald. Und weil da nichts ist außer Landschaft, kommen mit dem Rhythmus der Beine auch die Gedanken in Gang. 

Welcher Lockworte sich die Tourismuswerbung bedient, um diese simple Sache des Gehens schmackhaft zu machen. Vom Ganzkörpertraining mitsamt Schlankheitseffekt ist zu lesen, von Slow-Motion mit Anti-Burn­out-Garantie und dem Winterwandern als Glücklichmacher. Ein Heilsversprechen, das doch viele gar nicht brauchen. Vielleicht reicht der bloße Hinweis darauf, dass auch Erlebnis ohne adrenalinwütige Action seinen Platz haben darf? Besonders in einem Urlaub, der Genuss und Ruhe ankündigt. Mittlerweile leitet der Winterwanderweg in weitem Bogen zurück zum Kirchturm von Hinterthiersee. Gleich daneben liegt das Juffing. Den Schnee von den Stiefeln geklopft, betritt man wieder die Zivilisation. Als Snow Walker, nun mit glänzenden Augen und leichtem Hungergrummeln im Magen.

Geschichten von Früher

Eiskeller als natürliche Kühlung

Der Thiersee gehört der Brauerei- und Holzhandelfamilie Egger aus St. Johann. Als es noch keinen elektrischen Kühlschrank gab, holten sich die Bierbrauer das Eis zum Kühlen aus dem zugefrorenen Thiersee.

Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts standen Eiskeller überwiegend in der Nähe von Gutshäusern oder Schlössern. Auch die großen Brauereien hatten Eiskeller, die zum Aufbewahren von Eis genutzt wurden. Kleinere Eiskeller wurden bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und vereinzelt noch bis in die 1950er Jahre genutzt. Die meisten Eiskeller sind mittlerweile leider abgerissen, zugeschüttet oder verfallen. 

Der Bau eines Eiskellers war dabei eine technische Herausforderung und der Eisraum musste groß genug sein, um einen Vorrat an Eis bis zum nächsten Winter aufzubewahren. Um auch nach einem warmen Winter genügend Eis zu haben, wurde bereits damals empfohlen, einen Eisvorrat für zwei Jahre einzulagern.  Nach warmen Wintern war es andernfalls erforderlich, Eis zu importieren. Einer der größten Eisexporteure war Norwegen. 

Besonders die Brauereien waren damals wie heute auf eine wirksame Kühlung angewiesen. Die ersten Großbrauereien nutzten bereits seit den 1870er-Jahren Kältemaschinen, um von der Eisbildung im Winter unabhängig zu werden. Bei einer Brauerei von 20.000 hl jährlicher Produktion wurde mit einem Eisverbrauch von 2.500 Tonnen Eis gerechnet. Der Thiersee lieferte das Eis fürs Egger-Bier, Zell am See verfrachtete Eis für deutsche Brauereien. Im Winter 1883/84 wurden 1.905 Waggonladungen Eis nach Deutschland verfrachtet und 1930 soll die Brauerei Kaltenhausen in Hallein der Hauptabnehmer des Zeller Eises gewesen sein.