Der Herzschlag von Hinterthiersee

Auf Du und Du mit den Dorfglocken

Unsere Kirche St. Nikolaus hat einen grünen Kirchturm und gehört zum Bistum Salzburg.

In der Schule haben wir quasi standardmäßig Folgendes gelernt: Die Kirchen mit den grünen Turmspitzen gehören zur Diözese Salzburg, jene mit den roten Spitzen zur einstigen Diözese Brixen, heute zur Diözese Innsbruck. Stimmt es wirklich, dass die Kirchtürme die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Diözese signalisieren?

 Ja, die zur Diözese Innsbruck zugehörigen Dächer sind rot, die zur Diözese Salzburg zugehörigen Dächer sind grün. Die Farbe ergibt sich aus den verwendeten Materialien. Die reichere Diözese Salzburg konnte ihre Kirchtürme mit Kupferschindeln decken, daher die grüne Farbe. Die Kirchtürme der Diözese Innsbruck sind hingegen mit einfachen Ziegeln gedeckt und daher rot.

 Wir gehören also zur Diözese Salzburg und aus spätgotischer Zeit stammt der 1852/54 erneuerte Turm, der aus Tuffquadern aufgemauert und mit einem Spitzhelm versehen ist. Als er bei Umbauarbeiten im Jahr 1849 einstürzte, wurde die früher unter dem Altar austretende Quelle, der man besonders in den Pestzeiten des 17. Jahrhunderts große Heilkraft nachsagte, verschüttet. Sie konnte zwar später wiederentdeckt und neu gefasst werden, das einstige Mirakel vom Wunderbrunnen geriet aber in Vergessenheit.

Ganz selten argumentieren Gäste ...

„Ich will selber bestimmen, um welche Zeit ich geweckt werde – Ich brauche niemanden, der mich weckt, der mich zum Beten auffordert oder mir ein Glockenspiel vorspielt. Wer den Klang der Glocken als angenehm empfindet, kann sich auch eine entsprechende App auf sein Mobiltelefon herunterladen und den Weckruf genießen, ohne dabei andere zu stören. Den Aufruf zum Gebet finde ich unangemessen. Jeder soll selbst entscheiden können, wann und wo und ob er beten möchte. Dass Kirchen zum Heimatgefühl beitragen können, verstehe ich. Kirchen sind wunderbare architektonische Gebäude. Aber ….“

Ich verstehe diese Argumentation voll und ganz und deshalb bilden wir in allen Prospekten und Unterlagen die Dorfkirche ab.

Man kann die Sache durchaus positiv sehen: Das Läuten der Glocken ist ein Herausgerufen werden aus dem Strom des Alltags, eine Zeit zum Innehalten. Die Schläge der Glocken strukturieren den Tag und sind befreiend, weil sie zum Innehalten im rastlosen Einerlei anhalten. Für sie gilt, was der Glockengießer Albert Juncker sagt:

 

Ich läute Leid;
ich läute Freud.
Ich läute Zeit
und Ewigkeit.

So unterschiedlich wie unsere Emotionen sind, ist auch der mehrstimmige Klang läutender Glocken, weshalb es in einer alten Glockeninschrift heißt: „Mein Ton ist gestimmt gleichwie ein Herz, bald klingt er freudig, bald voll Schmerz.“ Und dies erinnert daran, dass der Klöppel der Glocke (=Dzwon) in Polen „Cerce dzwonu“ heißt, also „Herz der Glocke“. Aber nur ein Herz, welches schlägt, lebt. 

Die Bedeutung der Glocken geht also weit über die Kirche hinaus. Der Glockenklang vor dem Gottesdienst ist der Ruf zur Gemeinschaft. Es wird hörbar, dass Menschen zur Feier zusammenkommen und was ist wichtiger als Gemeinschaft in einer Welt in der so viele einsam sind. Und so haben Glocken eine einladende, eine liturgische und für Christen eine identitätsstiftende Funktion. Darüber hinaus hatten Glocken in der Vergangenheit auch immer eine - meist profane - Signal- und Kommunikationsfunktion, die aber heute durch die Massenmedien ihre Bedeutung weitgehend verloren hat. Geblieben ist fast ausschließlich die sakrale Funktion. Mit zunehmender Verstädterung, Säkularisation, verminderter spiritueller Kirchenbindung, aber auch der Zunahme anderer Religionen, insbesondere des Islams, haben die Läutebräuche an Bedeutung verloren. In den Städten ist die von den Glocken hervorgerufene „ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung“, wie sie von Alain Corbin beschrieben wird, meist verloren gegangen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich auf die Armbanduhr oder das Handy schaue, mir die Zeit also „vor Augen führe“ oder ob ich die Zeit höre: ein leiser Schlag für die erste angebrochene Viertelstunde, zwei für eine halbe, drei für eine Dreiviertel und vier für eine volle Stunde (plus – nach einer kurzen Pause – zwölf Schläge für zwölf Uhr oder ein Schlag für ein Uhr usw.). Ich erlebe die Zeit und vor allem auch das Vergehen der Zeit anders, wenn ich sie höre. Durch das immer wiederkehrende Auf- und Ab des unterschiedlich langen Uhrschlags „kriecht“ die Zeit über den Hörsinn auf andere Weise in meinen Körper, als wenn ich nur auf Zahlen schaue. Der als Kind erblindete französische Schriftsteller Jacques Lusseyran beschrieb das in seinem Buch „Das wiedergefundene Licht“ wie folgt: „Ein Geräusch ist kein Vorgang, der sich außerhalb von uns abspielt, sondern eine Realität, die durch uns hindurchgeht und dort verweilt, sofern wir sie nicht voll wahrnehmen.“ 

Jeder hört sie jeden Tag, ob bewusst oder unbewusst: Glocken.

Sie gehören seit 1400 Jahren zum Leben und zur Kultur des Abendlandes. Wir hören Glocken europaweit, weshalb der österreichische Kulturhistoriker Friedrich Heer den Begriff „Glocken-Europa“ prägte. Wo wir dieses „Abendland“ verlassen, „beginnen andere Zeichen zu tönen: die Buschtrommeln Afrikas, die Tempelgongs Asiens und die Koransuren Mohammeds; andere Klänge, andere Kulturen“. Doch auch im Buddhismus und im Hinduismus haben Glocken eine religiöse Bedeutung. 

Glocken werden auch in rein weltlichen Bereichen verwendet, die wenig oder gar nichts mit Religion zu tun haben. So ertönen Glocken an Hauseingängen, auf Schiffen, an Schulgebäuden, in Gerichten und Parlamenten. 
In den Alpen ertönen sie in besonderer Weise. Im Engadin im schweizerischen Kanton Graubünden zum Beispiel machen die Kinder immer am 1. März einen Umzug, bei dem sich jeder eine möglichst große Glocke um Brust und Arme bindet. Dabei handelt es sich um Kuhglocken.
Viele Bauern hängen ihren Kühen, Ziegen oder Schafen Glocken um. Je kleiner das Tier, desto kleiner auch die Glocke. Dies hat einen ganz praktischen Grund: Wenn sich die Tiere verlaufen, oft sogar im Nebel, dann hört man sie schon von weitem und kann sie zurückholen. Glocken entwickelten sich aber auch zum Stolz der Bauern. Besonders beim Aufzug auf die Alm im Frühling oder beim Alpabzug im Herbst legt man heute noch den Kühen die größten Glocken um und schmückt sie mit Blumen und Girlanden.

Glocken sind keine christliche Erfindung; es gibt sie in vielen Kulturen und Religionen. In vielen Größen und Formen. Die ältesten Tonkörper sollen von der chinesischen Shang-Dynastie aus dem 15. Jahrhundert vor Christus stammen. 

Zuerst bedienten sich die Klöster der Glocken zur Unterscheidung von „ora et labora“. Um 800 verfügte Karl der Große für die Kirchen in seinen Reich, dass jede mindestens über eine Glocke verfügen sollte. Mit zunehmendem Reichtum der Kirchen, Bistümer und Klöster wuchs die Zahl und auch die Größe der Glocken. 
Kleine Kapellen haben heute meist nur eine Glocke, dazu eine kleine. Die klingt hell. Große Kirchen haben mehrere Glocken, die höher und tiefer klingen. Sie müssen genau aufeinander abgestimmt sein, damit ein Wohlklang entsteht wie eine Musik. Diese Kunst muss ein Glockengießer beherrschen. Viele Glocken sind außerdem außen reich verziert.
Während sich heute Menschen durch das Läuten der Glocken gestört fühlen, wollte früher jeder möglichst dicht am Glockenturm wohnen. Die Glocken strukturierten nicht nur den Tages- und Wochenablauf der Menschen, wer außerhalb der Hörweite der Glocken wohnte, verpasste wichtige Ereignisse im sozialen Miteinander. Die Glocken hatten eine hohe Kommunikationsfunktion. Jeder kannte den Code, die Sprache der Glocken.

Liturgischer und weltlicher Glockenklang

Man unterscheidet zwischen Uhrschlag und Geläut der Glocken zu liturgischen Zwecken. Beide schweigen in Hinterthiersee von 22.00 Uhr bis 06.00 Uhr morgens.

Der Uhrschlag schlägt – wie der Name schon verrät – bekannterweise die aktuelle Uhrzeit, meist viertelstündig. Dabei schlägt nur ein Hammer auf die Glocke, während sie beim eigentlichen Geläut schwingt und ihren vollen Klang von sich gibt. Das sind zwei völlig verschiedene technische Einrichtungen. Das Läuten der Glocken ist heute als Teil der freien Religionsausübung staatskirchenrechtlich geschützt.

 © Bild: G. Reinhold

Einzelne Läuteanlässe - täglich, wöchentlich, im Kirchen-/Jahr

Wie wird geläutet in Hinterthiersee? In Hinterthiersee wird mit vier Bronzeglocken aus den Jahren 1948 und 1949, die von Franz Oberascher aus Salzburg gegossen wurden, geläutet und zwar zu folgenden Anlässen und Zeiten:

Täglich

Das Angelusläuten ist das morgendliche (06.00 Uhr), mittägliche (12.00 Uhr) und abendliche (18.00 Uhr) Läuten der Kirchenglocken, bei dem das Angelusgebet gebetet wird. Dieses Gebetsläuten ist auf die Stundengebete der Klöster, nämlich „Laudes“ am Morgen, „Sext“ bzw. Mittagshore zu Mittag und „Vesper“ am Abend, zurückzuführen

In Hinterthiersee ist es Sitte, das Angelusläuten mit einer Schlagfolge einzuleiten. Diese besteht aus drei Pulsen à drei Schlägen auf einer tontiefen Glocke, die jeweils durch eine Pause von 10 bis 20 Sekunden getrennt werden. In diesen Zwischenzeiten soll „Der Engel des Herrn“ gebetet werden. Darauf schließt sich ein ein- bis fünfminütiges Nach- oder Ausläuten mit einer tonhöheren Glocke (z.B. der Marienglocke) an. 

Der Uhrenschlag selbst gehört nicht zum liturgischen Läuten, hat aber dennoch eine sakrale Dimension und ist nicht nur profane Zeitansage, denn jeder muss den Umgang mit seiner ständig abnehmenden Lebenszeit Gott gegenüber verantworten. Der Uhrschlag ist auch Ausdruck des „Memento mori“ also des „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“ und zwar ganz im Sinne von: Frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt, sie schlägt für dich.

Wöchentlich

Das Einläuten am Vortag (Vesperläuten, Feierabendläuten) gilt für Sonntage und Hochfeste. Dieser Brauch geht auf das Läuten zur ersten Vesper zurück. Daher findet das Einläuten üblicherweise erst am frühen Abend statt. 

Das Vorläuten geht dem eigentlichen Hauptläuten vor Beginn der Werktags- oder Sonntagsgottesdienstes voraus. Je nach Ort können dabei der Zeitpunkt und die Anzahl der Glocken variieren. Auch spielen dabei die Kirchenjahreszeit, der Rang des Tages oder die Gottesdienstform eine Rolle.

Das Haupt- oder Zusammenläuten ist in der Regel das letzte Glockenzeichen vor Beginn des Gottesdienstes und geschieht in der Regel mit einer größeren Gruppe von Glocken oder dem Vollgeläut. Auch hier können Kirchenjahreszeit, Rang des Tages oder der Gottesdienstform eine Rolle spielen.

An einem Donnerstag erklingt nach dem Angelusläuten die größte Glocke und erinnert an die Todesangst Christi am Ölberg. Sie wird daher „Angstläuten“ oder „Gedächtnisläuten“ genannt.

Freitagsgeläut um 15 Uhr denken Gläubige an die Todesstunde Jesu. Die Glocken am Freitag um 15 Uhr erinnern als so genanntes „Scheidungsläuten“ (abgeleitet von Tod = Hinscheiden) an die Todesstunde Jesu.

Im Kirchenjahr

An allen kirchlichen Hochfesten (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Kreuzerhöhung, Mariae Himmelfahrt u.a.) und auch zum Jahreswechsel ertönt von den Kirchen das Plenum, das Läuten aller Glocken.

Von Gründonnerstag bis Ostersonntag schweigen die Glocken. Im Volksmund sagt man, „die Glocken fliegen nach Rom“. Nach alter Tradition läuten die Glocken beim Gloria der Abendmahlmesse am Gründonnerstag zum letzten Mal. Das Schweigen der Glocken deute, so Wilhelm Durandus von Mende (1230 – 1296), auf die Flucht und stumme Wortlosigkeit der Apostel hin. Orgel und Glocken als Zeichen des Triumphs schweigen ebenso wie die Messglocken der MinistrantInnen. Letztere werden im Gottesdienst durch Ratschen ersetzt. Glocken und Orgel erklingen erst wieder in der Osternachtsmesse zum Gloria, um die Auferstehung Jesu Christi zu verkünden.

Bei Kasualien

Bei Tauffeiern, Eheschließungen und in Sterbefällen (zum Seelenamt, der Totenmesse, den Exequien) läuten die Glocken zu den jeweiligen Gottesdiensten. In manchen Gemeinden ertönen die Glocken auch im Sterbefall, als Ankündigung, dass ein Gemeindemitglied gestorben ist. Der Ursprung dieses Rituales ist die Vorstellung, dass der Klang der Glocke die Seele des Verstorbenen in den Himmel trüge.

Auch zu Kirchenjubiläen, bei der Ernennung und dem Tod eines Diözesanbischofs sowie bei der Wahl und dem Tod eines Papstes wird geläutet.

To whom it may concern

Eine Einführung über die Hinterthieseer Glocken von Dr. Gerhard Reinhold

Bei der Hinterthierseer Dorfkirche handelt sich um eine Glockenanlage mit vier Bronzeglocken in einem Holzglockenstuhl mit zwei Gefachen und zwei Etagen. Unten links am Eingang zur Glockenkammer Glocke II, darüber Glocken III, rechts unten Glocke I, darüber Glocken IV. Die vier Bronzeglocken wurden von der Fa. Oberascher, Salzburg, in den Jahren 1948 und 1949 gegossen. Die Glockenanlage wurde vor wenigen Jahren durch den Einbau eines neuen Glockenstuhles und neuer Holzjoche renoviert.

Die Glocke I ist die Christkönig-Glocke mit der Inschrift:
EHRE SEI DEM VATER UND DEM SOHNE UND DEM HEILIGEN GEISTE.

Glocke II – Marienglocke hat die Inschrift:
FRIEDE DU UNS SENDE, UNHEIL VON UNS WENDE!

Die Glocke III ist die Josephsglocke mit der Inschrift:
VERLASS UNS NICHT, WENN DAS AUG´ IM TODE BRICHT!
Wolm: zwei Zierstege

Die Glocke IV – die Rupertus-Glocke hat folgende Inschrift eingraviert:
DAS GRÖSSTE IST DIE LIEBE.

 

Quellen:

Eigene Begehung, 2. September 2021.
Mail Jörg Wernisch 9.9.2021 mit den Protokollen von Prof. Joseph Messner über die Kollaudierungen der neuen Glocken vom 25.8.1948 und 20.12.1949.
Jörg Wernisch: Glockenkunde von Österreich, 2006. Zur Fa. Oberascher, S. 158; zum Läutewinkel S. 56/57, zum Klöppelfänger S. 68. 
Essen, 15. September 2021
Dr. Gerhard Reinhold

 

Literaturnachweise

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh. (diverse Ausgaben)
Romano Guardini: Vom heiligen Zeichen. 2008
Wolfgang Vögele: Wer die Glocken hört. 2010
Alain Corbin: Die Sprache der Glocken: Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. 2017.

 

 

Noch mehr Glocken ...

Besuchen Sie die Jägerkapelle, eine Kapelle oberhalb von Hinterthiersee. Der Erzählung nach wollte sich ein Deserteur das Leben nehmen. Da hörte er die Glocken von Hinterthiersee, besann sich und beschloss, ein neues Leben zu beginnen. Das war 1935 und der Mesner von Hinterthiersee, Josef Bichler, errichtete genau auf der „Halt“ die Jägerkapelle.