Der Thiersee mit Schilf und Seerosen am Ufer und Hügeln, Häusern und Bergen in der Ferne.
Achtsamkeit in der Natur

Vom großen Glück, die kleinen Dinge zu sehen

Wie die Natur rund ums Juffing dabei hilft, zur Ruhe zu kommen und den Moment bewusster wahrzunehmen.
Sonja Juffinger-Konzett - Geschäftsführung 06.10.2026
Das Wichtigste auf einen Blick
  • Worum es geht: Ein Erlebnisbericht über Achtsamkeit und genaues Hinschauen in der Natur rund um den Thiersee
  • Der Auslöser: Gäste entdeckten am Thiersee den seltenen Alpenbockkäfer (Rosalia alpina) – Anlass für diesen Beitrag
  • Im Thierseetal beobachtete Arten: u. a. Alpenbockkäfer, Blaue Federlibelle, Große Pechlibelle, Dickkopffalter, Kaisermantel, Ochsenauge, Moschusbock
  • Beste Beobachtungszeit für den Alpenbock: Frühsommer, insbesondere Juni und Juli
  • Kerngedanke: Achtsamkeit braucht keine Yogamatte – oft reicht genaues Hinschauen unterwegs

Achtsamkeit ist eines dieser Wörter, die uns überall begegnen. Wir meditieren achtsam, essen achtsam, atmen achtsam, sprechen achtsam. Es gibt Achtsamkeitsübungen, Achtsamkeitskurse und natürlich findet Achtsamkeit auch bei uns im Juffing ihren Platz – beim Yoga, bei einer Meditation oder ganz bewusst in unserem Besinnen-Beginnen-Programm.

Und doch denken wir: Achtsamkeit ist nur ein neues Wort für eine Haltung, die es immer schon gegeben hat. Für die Fähigkeit, genau hinzusehen. Für echtes Interesse an dem, was uns umgibt. Für das Staunen. Für die Bereitschaft, nicht immer nur von einem Ziel zum nächsten zu gehen, sondern unterwegs etwas zu entdecken. Manchmal braucht es dafür keine Yogamatte.

Manchmal braucht es einen Käfer.

Eine Frau auf einer Bank am Seeufer, hinter ihr ein Fahrrad.

Eine Begegnung am Thiersee

Im Frühsommer waren neue Gäste bei uns im Juffing. Keine Stammgäste, die unsere Gegend längst kannten, sondern Menschen, die das Thierseetal gerade erst für sich entdeckten.

Irgendwann im Laufe der Woche kamen wir ins Gespräch. „Wie war Ihr Tag heute?“

„Wundervoll.“ Natürlich fragten wir weiter: „Waren Sie wandern?“ Nein. Die Gäste waren am See gewesen.

Auf einer Wanderung, die am Thiersee startete, entdeckten sie auf einem Waldweg unerwartet den Alpenbockkäfer. Und dann erzählten sie voller Begeisterung, was das für ein Glück gewesen sei. Wie selten man ihn zu Gesicht bekomme. Was für eine besondere Beobachtung.

Wir mussten ein wenig beschämt gestehen: Wir sind selbst so oft am Thiersee. Wir leben hier. Wir gehen dort spazieren, schwimmen, fahren vorbei. Und trotzdem hatten wir noch nie einen Alpenbockkäfer gesehen. Also schauten wir uns gemeinsam Bilder an. Und plötzlich begann ein Gespräch, das weit über einen Käfer hinausging.

Wie geht man eigentlich durch die Welt?

Auf Bildern wirkt der Alpenbockkäfer beinahe spektakulär. Seine auffällige blau-graue Färbung und die dunklen Zeichnungen machen ihn unverwechselbar. Man könnte meinen, ein solches Tier müsse einem sofort ins Auge springen. Aber draußen in der Natur gelten andere Maßstäbe. Da ist er plötzlich klein. Da liegt ein Ast daneben, ein Blatt darüber, Licht und Schatten verändern die Farben. Und während wir Menschen miteinander reden, aufs Handy schauen oder bereits überlegen, wo wir anschließend einkehren, bleibt eine kleine Welt vollkommen unbemerkt neben unserem Weg zurück.

Das hat uns nachdenklich gemacht.

Wie gehen wir eigentlich durch eine Landschaft? Was sehen wir? Was übersehen wir?

Muss eine Wanderung weit sein, damit sie ein Erlebnis war? Muss man einen Gipfel erreichen? Kilometer zählen? Höhenmeter sammeln? Brauchen wir ein spektakuläres Fotomotiv, um am Abend das Gefühl zu haben, einen besonderen Tag erlebt zu haben?

Oder kann ein außergewöhnlicher Urlaubstag auch daraus bestehen, am Thiersee zu sitzen und einen Käfer zu entdecken?

Die kleinen Bewohner des Thierseetals

Seit diesem Gespräch sehen wir genauer hin. Und plötzlich tauchen Namen auf, die beinahe poetisch klingen: Alpenbockkäfer. Blaue Federlibelle. Große Pechlibelle. Dickkopffalter. Kaisermantel. Ochsenauge.

Alle diese Tiere haben Gäste und Naturbeobachter bei uns entdeckt und fotografiert. Und zu jedem gibt es eine kleine Geschichte.

Alpenbockkäfer aus der Nähe.

Der Alpenbockkäfer

Er ist vielleicht der Star dieser Geschichte. Nicht, weil er der Größte wäre, sondern weil seine Entdeckung überhaupt erst die Frage ausgelöst hat, wie viel wir sehen, wenn wir wirklich schauen.

Seine ungewöhnliche Färbung macht ihn zu einer jener Naturbegegnungen, bei denen man unwillkürlich stehen bleibt. Vorausgesetzt, man entdeckt ihn überhaupt.

Blaue Federlibelle auf einer Pflanze aus der Nähe.

Die Blaue Federlibelle

Manchmal genügt ein winziger blauer Strich zwischen all dem Grün. Libellen sind Geschöpfe, denen etwas Flüchtiges anhaftet. Eben noch sitzen sie ruhig auf einem Halm, im nächsten Moment sind sie verschwunden. Wer sie beobachten möchte, muss sich ihrem Tempo anpassen – und paradoxerweise bedeutet das oft: selbst langsamer werden.

Große Pechlibelle zwischen Uferpflanzen.

Die Große Pechlibelle

Auch sie gehört zu jener Welt, die sich nicht aufdrängt. An Gewässern, zwischen Halmen und Uferpflanzen findet ein Leben statt, an dem wir achtlos vorbeigehen können – oder bei dem wir stehen bleiben.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Landschaft und Naturerlebnis. Landschaft kann man betrachten und Natur beginnt dort, wo man Beziehungen entdeckt.

Dickkopffalter auf einer Blüte.

Der Dickkopffalter

Schon der Name macht Freude. Nicht alles in der Natur muss selten oder spektakulär sein, um unsere Aufmerksamkeit zu verdienen. Ein kleiner Schmetterling auf einer Blüte kann genauso viel erzählen wie ein großes Panorama. Wer Schmetterlinge beobachtet, beginnt automatisch auch die Pflanzen wahrzunehmen, auf denen sie sitzen. Dann das Licht, dann die Wiese. Und plötzlich wird aus „einer Wiese“ eine Vielzahl kleiner Lebensräume.

Kaisermantel aus der Nähe auf Steinen.

Der Kaisermantel

Ein majestätischer Name für einen Schmetterling – und tatsächlich gehört seine orangefarbene Erscheinung zu jenen kleinen Sommermomenten, die man sich merkt. Aus dem Schmetterling wird ein Kaisermantel, aus der Libelle eine Federlibelle, aus einem Käfer ein Alpenbockkäfer. Und aus einer Wiese wird eine Welt.

Ochsenauge auf einer Blüte.

Das Ochsenauge

Auch das Ochsenauge gehört zu den Beobachtungen, die zeigen, dass Naturfreude nicht vom Seltenheitswert einer Art abhängen muss. Man muss kein Biologe sein. Man muss nicht jeden lateinischen Namen kennen. Es geht auch nicht darum, aus einem Spaziergang einen Wettbewerb im Artenbestimmen zu machen.

Es reicht zunächst, neugierig zu werden. Was sitzt da eigentlich auf dieser Blüte? Diese eine Frage verändert bereits den Blick.

Moschusbock auf einem Ast.

Der Moschusbock

Kennen Sie den Moschusbock? Wir jedenfalls kannten ihn vom Thiersee bisher nicht. Umso erstaunlicher war die Begegnung unserer Gäste: Sie entdeckten diesen eindrucksvollen Käfer – erst zum zweiten Mal in ihrem Leben.

Und wieder war da dieser Gedanke: Wie oft können wir an demselben Ort vorbeigehen, ohne zu sehen, was direkt vor uns lebt? Der Moschusbock ist mit seiner stattlichen Größe und den außergewöhnlich langen Fühlern eigentlich kaum zu übersehen. Und doch muss man im richtigen Augenblick am richtigen Ort sein – und sich die Zeit nehmen, hinzuschauen.

Eine Hand hält eine Tasse mit Wasser und einem Tannenzweig darin.

Ist das Achtsamkeit?

Wir sprechen im Wellnessbereich häufig über Entschleunigung. Über Ruhe. Über das Hier und Jetzt. Aber das Hier und Jetzt befindet sich eben nicht ausschließlich im Yogaraum. Es kann auf einem Waldweg liegen. Am Ufer des Thiersees. In einer Blumenwiese. Auf einem Stück Holz, auf dem ein Alpenbockkäfer sitzt.

Achtsamkeit muss auch nicht immer bedeuten, die Augen zu schließen. Vielleicht bedeutet sie manchmal genau das Gegenteil: die Augen weit aufzumachen.

Zu hören, ob im Gebüsch etwas raschelt. Zu beobachten, welche Schmetterlinge auf einer Wiese unterwegs sind. Zu merken, wie sich das Licht verändert. Nicht nur den Berg am Horizont zu sehen, sondern auch das Leben unmittelbar vor den eigenen Füßen.

Das Schöne daran: Man kann es nicht erzwingen. Wer mit dem Auftrag loszieht, sich jetzt unbedingt zu entspannen, ist möglicherweise schon wieder mitten in der nächsten Aufgabe. Wer dagegen einfach neugierig wird, vergisst manchmal ganz von selbst die Zeit.

Ein Wanderer geht über eine weite Wiese auf einen Gipfel zu.

Vom Wandern zum Schauen

Das Thierseetal eignet sich wunderbar für diese andere Art, draußen zu sein.

Natürlich kann man bei uns wandern, Höhenmeter machen und Gipfel erreichen. Man kann früh losgehen und am Abend angenehm müde zurückkommen. Aber man darf das Thierseetal auch anders erleben: Langsamer. Zweckloser. Neugieriger.

Gerade weil unser Tal nicht an jeder Ecke von großer touristischer Infrastruktur bestimmt wird, gibt es diese stillen Zwischenräume noch. Waldstücke, Wiesen, Uferbereiche und Wege, an denen nicht ständig etwas „geboten“ werden muss.

Man darf einfach da sein und schauen.

Eine Frau sitz auf einer Bank und sonnt sich.

Was macht einen Tag reich?

Unser Gespräch mit den Gästen über den Alpenbockkäfer ist uns geblieben, weil irgendwann die größeren Fragen auftauchten. Was ist eigentlich wichtig? Wie erhole ich mich wirklich? Was nehme ich von einem Urlaub mit nach Hause? Was macht einen Tag schön – und was macht ein Leben reich?

Vielleicht erinnern wir uns später gar nicht an jede große Sehenswürdigkeit. Dafür aber an einen Morgen, an dem Nebel über dem See lag. An den Geruch einer Wiese. An einen Schmetterling, dessen Namen wir zum ersten Mal gelernt haben. Oder an einen blau-grauen Käfer, den wir beinahe übersehen hätten. Solche Erlebnisse kann man nicht bestellen – vielleicht sind sie gerade deshalb kostbar.

   

Eine kleine Einladung

Wenn Sie das nächste Mal bei uns im Juffing sind, nehmen Sie sich einmal keinen großen Ausflug vor. Gehen Sie hinaus und schauen Sie, was passiert.

Vielleicht entdecken Sie einen Kaisermantel. Vielleicht eine Libelle. Vielleicht einen Alpenbockkäfer. Vielleicht entdecken Sie überhaupt nichts Seltenes. Auch das macht nichts. Denn möglicherweise hören Sie dafür etwas, das Sie sonst überhört hätten. Sie sehen eine Farbe, die Ihnen noch nie aufgefallen ist. Oder Sie sitzen einfach eine Weile am Thiersee und stellen fest, dass gerade überhaupt nichts fehlt.

Achtsamkeit braucht nicht immer eine Yogamatte. Manchmal braucht sie nur Zeit, offene Augen – und die Bereitschaft, sich vom Kleinen überraschen zu lassen. Und seit unserer Begegnung mit dem Alpenbockkäfer wissen wir im Juffing: Man kann jahrelang an einem See leben.

Und ihn trotzdem eines Tages noch einmal ganz neu entdecken.

   

Der Alpenbock – klein, selten und unverwechselbar

Der Alpenbock (Rosalia alpina) zählt zu den auffälligsten und seltenen heimischen Käferarten. Mit seiner hellblauen bis graublauen Färbung und den schwarzen Flecken ist er unverwechselbar. Besonders markant sind seine langen Fühler, die bei den Männchen sogar etwa doppelt so lang wie der Körper werden können.

Und obwohl er auf Fotos beinahe riesig wirkt, misst sein Körper gerade einmal ungefähr 1,5 bis 4 Zentimeter. Man muss also tatsächlich genau hinschauen, um ihn in der Natur zu entdecken.

Sein bevorzugter Lebensraum sind lichte, sonnige Laub- und insbesondere Buchenwälder mit alten oder absterbenden Bäumen. In Rissen und Verletzungen des Holzes legen die Weibchen ihre Eier ab. Die Larven verbringen anschließend mehrere Jahre verborgen im Holz, bevor der fertige Käfer erscheint.

Das eigentlich Erstaunliche: Auf mehrere Jahre Entwicklungszeit folgt ein ausgesprochen kurzes Leben als erwachsener Käfer – oft nur wenige Wochen. Die beste Chance, einen Alpenbock zu entdecken, besteht im Frühsommer, insbesondere im Juni und Juli.

Weil alte Bäume und geeignetes Totholz in bewirtschafteten Wäldern häufig fehlen, ist sein Lebensraum bedroht. Der Alpenbock steht deshalb unter besonderem Schutz. Der Erhalt alter Bäume, naturnaher Wälder und geeigneten Totholzes ist für sein Überleben entscheidend.

Und vielleicht passt gerade dieser kleine Käfer deshalb so wunderbar zu unserer Geschichte über Achtsamkeit: Jahrelang lebt er für uns unsichtbar im Holz. Für wenige Wochen zeigt er sich – und selbst dann nur jenen, die genau genug hinsehen.

Häufige Fragen
Was ist ein Alpenbockkäfer (Alpenbock)?

Der Alpenbock (Rosalia alpina) ist ein seltener, unter Schutz stehender heimischer Käfer mit hellblauer bis graublauer Färbung, schwarzen Flecken und auffällig langen Fühlern. Er wird nur etwa 1,5 bis 4 Zentimeter groß.

Wann kann man den Alpenbock im Thierseetal am besten beobachten?

Die beste Chance besteht im Frühsommer, insbesondere im Juni und Juli. Als erwachsener Käfer lebt er nur wenige Wochen.

Ist der Alpenbock selten oder geschützt?

Ja. Weil geeignete Lebensräume wie alte Bäume und Totholz in bewirtschafteten Wäldern häufig fehlen, ist der Alpenbock in seinem Bestand bedroht und steht unter besonderem Schutz.

Welche Schmetterlinge und Libellen gibt es rund um den Thiersee?

Gäste und Naturbeobachter haben im Thierseetal unter anderem die Blaue Federlibelle, die Große Pechlibelle, den Dickkopffalter, den Kaisermantel und das Ochsenauge entdeckt und fotografiert.

Ein herzliches Dankeschön

Ein ganz besonderer Dank gilt Familie Schenk, die uns nicht nur auf diese kleinen und oft übersehenen Bewohner des Thierseetals aufmerksam gemacht, sondern uns auch die wunderschönen Naturaufnahmen für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.

Ihre Beobachtungen haben uns selbst neugierig gemacht und dazu gebracht, unsere vertraute Umgebung wieder ein wenig genauer anzuschauen.

Vielen herzlichen Dank für das Teilen dieser besonderen Momente und für die Inspiration zu diesem Beitrag.

Fotos: © Hanspeter Schenk