Eine Frau steht im Literaturhotel und liest
Ziemlich erlesen

Wenn ein Hotel Raum für Worte schafft

Es gibt Menschen, die reisen, um etwas zu erleben. Und es gibt Menschen, die an einen Ort kommen, um in Ruhe etwas entstehen zu lassen.

Seit vielen Jahren verbindet das Juffing eine besondere Beziehung zur Literatur. Im Rahmen des Projekts „Literatur am Kirchturm“ waren immer wieder Autorinnen und Autoren bei uns in Hinterthiersee zu Gast. Nicht für eine klassische Lesereise und nicht als gewöhnliche Hotelgäste, sondern mit etwas, das im Alltag oft besonders kostbar geworden ist: Zeit und Raum zum Schreiben.

Ausgewählte Schriftstellerinnen und Schriftsteller erhielten ein Literaturstipendium und konnten ihren Aufenthalt im Juffing verbringen, ohne dafür selbst finanzielle Mittel aufbringen zu müssen. Ein Zimmer, ein Schreibtisch, die Berge vor dem Fenster, Verpflegung – und vor allem Tage, die nicht mit Verpflichtungen gefüllt waren.

Was daraus entstehen sollte, war bewusst nicht vorgegeben.

Ein Ort, an dem etwas entstehen darf

Schreiben braucht Konzentration. Aber vielleicht braucht es ebenso das Gegenteil: den freien Blick aus dem Fenster, einen Spaziergang ohne Ziel, Stille und jene Stunden, in denen scheinbar gar nichts passiert.

Hinterthiersee ist dafür ein besonderer Ort.

Das Dorf, die Kirche, die Berge, der Wechsel des Lichts und die Natur geben einen Rhythmus vor, der ein anderer ist als jener der Stadt. Der Kirchturm steht dabei fast sinnbildlich für das Projekt: mitten im Dorf, sichtbar, beständig – und rundherum genügend Raum für eigene Gedanken.

„Literatur am Kirchturm“ versteht Literatur deshalb nicht als Veranstaltung für einen Abend, sondern als Prozess. Bevor ein Buch gelesen werden kann, muss jemand die Zeit haben, es zu schreiben.

Und genau diese Zeit wollten wir schenken.

Zu Gast im Juffing: Carolina Schutti

Eine der Autorinnen, die im Rahmen eines Literaturstipendiums im Juffing zu Gast war, ist Carolina Schutti.

Ihre Arbeit zeigt, wie viel Kraft in Sprache liegen kann, wenn sie präzise und gleichzeitig offen bleibt. Während ihres Aufenthalts wurde das Juffing für einige Zeit nicht nur Hotel, sondern Schreibort.

Ein literarischer Rückblick von Carolina Schutti

„Den Fuchs werde ich nicht los, seine Augen nicht, sein Fell, das ganz weiß aussah im Scheinwerferlicht. Und die Geschichte werde ich nicht los, die am Fuchs hängt, an der Straßenkehre, am Beifahrersitz, auf dem ich dich zu sehen glaubte. Du hast dich in mir eingenistet, für immer, habe ich damals geschrieben, und diese Geschichte war ganz klein, ein Gerüst nur, mehr nicht. Ich muss den Faden wieder aufnehmen, ich werde am Anfang beginnen und – Dass meine Mutter eine Mörderin sei, hätte ich sagen können. Aber so einfach war es nicht.

Dass ich nicht daran glauben konnte, eine Liebe könne wachsen, wenn man einen künstlichen Nullpunkt erschaffe, als hätte es vor diesem kein Leben gegeben. Das hätte ich sagen können.

Eine Geschichte über Macht- und Ohnmachtsverhältnisse hätte dies werden können, nur, dass ich nicht länger eine Ohnmächtige sein wollte, eine Mächtige aber auch nicht. Ein Zwitterwesen mit Flügeln vielleicht, das sich nicht festlegen musste auf eine Art des Seins.

Wir möchten an rote Fäden glauben, weil sie den Weg vorgeben. Weil man sich an ihnen festhalten kann, weil man glaubt, dadurch nicht verloren gehen zu können. Doch rote Fäden sind kein Handlauf und mir stellt sich die Frage, ob man nicht mehr zu sehen bekommt, wenn man sie nicht ergreift und sich stattdessen auf ein Abenteuer einlässt.“

Die Schriftstellerin Carolina Schutti bei ihrer Lesung

MIT DIESEN ZEILEN BIN ICH GEKOMMEN UND MIT SO VIEL MEHR GEGANGEN.

Die Möglichkeit, in den zwei Septemberwochen einen ganz neuen Rhythmus zu finden und dem Schreiben – losgelöst vom Alltag – den Platz zukommen zu lassen, den es verdient, war ein Geschenk, das genau zur rechten Zeit kam. Lassen sie dich denn in Ruhe? Mehr als einmal hörte ich diesen Satz, wenn ich von meinem Schreibaufenthalt erzählte, diese Frage kam vor allen anderen, wohl deshalb, weil Schreiben und Ruhe für viele unbedingt zusammengehören (auch für mich), das Leben von Autorinnen und Autoren außerhalb des eigentlichen Schreibens hingegen oft von Unruhe geprägt ist, vor allem, wenn man sich als solche/als solcher nach außen präsentieren muss. 

Von Müssen war hier jedoch nie die Rede, im Gegenteil: Dieses neue Projekt der Familie Juffinger-Konzett ist tatsächlich eine einzige Einladung, bestimmt von ehrlicher Freude seitens der Gastgeber, einer schönen Bücherumgebung und so vielen Kleinigkeiten, die von Achtsamkeit zeugen, von Aufmerksamkeit und Wertschätzung gegenüber Buch und Mensch.

Ein Dürfen also – so etwas ist nicht leicht zu finden und umso glücklicher darf ich mich schätzen, die erste Stipendiatin des Writer-in-Residence-Programms gewesen zu sein, das sich hoffentlich schon bald etablieren wird als eines, auf das man sich wirklich, aus ganzem Herzen, freuen kann ...

Bild oben:
Carolina Schutti – erster Gast des
Writer-in-Residence-Programms

Lesen ist ein großes Wunder, meinte Marie von Ebner-Eschenbach.

Drei Personen mit Büchern in einer Bibliothek des Juffing & Spa Hotels

Gerade solche persönlichen Rückblicke interessieren uns besonders. Was macht ein anderer Ort mit dem Schreiben? Was geschieht, wenn für einige Tage die alltäglichen Verpflichtungen wegfallen? Und braucht Kreativität Ruhe – oder entsteht sie manchmal gerade aus dem Ungeplanten?

Zu Gast im Juffing: Hans Augustin

Auch Hans Augustin erhielt ein Literaturstipendium und verbrachte Zeit zum Schreiben bei uns.

Artikel von Hans Augustin, Literaturstipendiat des Jahres 2021

Hinter.
Thier.
See.

Ein Stück Land im Anschluß an die Welt; oder vielleicht nur ein paar Schritte außerhalb des Zaunes des gegenwärtigen, weltweiten politischen Treibens, das wenig Erfreuliches anzubieten hat. Es ist November, der Winter hat sich schon bemerkbar gemacht und Schnee auf die Schattenseite hingeschneuzt, dennoch haben die Kühe auf den Wiesen keine Eile, als wäre die Jahreszeit nur eine Laune der Natur, des Klimas. 

Die Schweigsamkeit ist mit Händen zu greifen; und läßt man sie erst einmal auf der Hand schmelzen, wird das Tempo des Lebens deutlich, und stellt die Frage wozu das alles? Der Ort bleibt in jedem Fall die Antwort schuldig; Fehler ist das keiner. 

Im Umkreis der langgezogenen Ansiedlung, quasi als Mittelpunkt, die Kirche, in gewisser Weise dem Heute gegenüber sprachlos geworden, nicht immer unberührt von Auseinandersetzungen und dennoch ein unmerklich sich zurückziehendes Zuhause für von im großen und ganzen gegenwartsfromme Menschen. Und zeigt, dem Hl. Nikolaus von Myra geweiht, der der Patron der Kirche ist, wenigstens noch architektonische Präsenz. Stuckverziert, und den Heiligen mit den drei Kugeln, verzückt sich seiner Apotheose erinnernd.

Das Sägewerk, unweit, schichtet geschälte Baumstämme auf, für spätere Dach- und Bodenbretter oder Einrichtungen; der öffentliche Verkehr beschränkt sich auf wenige Frequenzen in die Bezirkshauptstadt, hin und retour, der Supermarkt hat schon vor längerer Zeit die Regale leergeräumt und die Nahversorgung eingestellt. Wahrscheinlich aus mangelndem Umsatz, aus der fehlenden Perspektive für einen Nachfolger. Es lohnt sich wahrscheinlich nicht mehr, vernimmt ein Hotelgast eines gut besuchten und mit hoher Qualität geführten Spa-Hotels in unmittelbarer Nachbarschaft aus dem Gespräch zweier älterer Damen. Und dieses Bedauern spiegelt sich in den leeren Auslagen.

Die Volksschule, als Refugium für ein altbewährtes, reformpädagogisches Konzept, das der Unmittelbarkeit der Vermittlung von Lebenswissen den Vorzug gibt, beherbergt noch die von vielen gewünschte Kindheit und Unbeschwertheit; ungeachtet der Entwicklung digitaler Kommunikationswerkzeuge. Natürlich wissen die Kinder den Umgang mit Smart-phone aber auch wie man Scherenschnitte macht, mit Wasserfarben umgeht, das Kleine Einmaleins lernt, Adventkränze flicht und woran man den Unterschied zwischen Ostern und Weihnachten erkennt.  

Der Ort weiß nicht wie lange das noch möglich sein wird, und der Besucher hofft, daß diese Form der Schule bleibt und die Regierung des Landes, insbesondere der Landesvater, setzt viel daran, auch Einrichtungen wie Freiwillige Feuerwehr, Musikkapelle und Schützen am Leben zu erhalten. Was zunehmend schwieriger wird. Aus gesellschaftlicher Ermüdung von Tradition und Unveränderbarkeit des Alltags.

Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach und haben vielleicht aufgehört, hier die Tage zu zählen, vielmehr tun sie es an den Standorten ihrer beruflichen Tätigkeit; mit mehr oder weniger Herz oder Kalkül; man feiert die Geburtstage, die Hochzeiten, die Begräbnisse, die Unglücke, die Besonderheiten des Lebens und das andere, das sich irgendwie ereignet, vermeintlich ohne dem Zutun der Welt. Das letztlich das Überraschende des Daseins birgt, wie ein Paket eines Online-Kaufhauses, das sich auf Moden in Kleidung und Accessoires für Ältere und Mollige spezialisiert hat und irrtümlich einen Astronautenanzug schickt. 

Paketdienste verdienen in jedem Fall.

Das Geräusch durchfahrender Autos weckt für ein paar Augenblicke die Aufmerksamkeit und die Sehnsucht nach anderswohin, aber wo ist das und wie kommt man dorthin und ist es dort so wie hier? Die Vergleichbarkeit ist unangebracht und schwer durchzuführen, kommt einer Mißachtung oder Verachtung des Heimischen gleich, auch wenn dennoch nicht wenige Ortsansäßige, ihren Sommer am Meer verbringen. 

Es ist die Weite, die verlockt, der optische Ausgleich zu den Bergen ringsum, die man nicht vermissen möchte, und sich mit dem ungebrochenen Horizont, weit draußen, wo Himmel und Meer sich ineinander verschränken, nicht messen kann.

Abgesehen von den Schaumkronen, die auch eine meterdicke Schneedecke nicht ersetzen kann.

Wie an allen Endstationen sind nur die ausgedruckten Fahrpläne zu lesen. Ein Kleinbus startet den Motor und fährt weg und man hat das Gefühl, als wäre es das letzte Schiff von der Insel für die nächsten Jahre. Nur das Gebimmel einer Kuhglocke läßt die Hoffnung aufkommen, daß hier seit langem und weiterhin Menschen wohnen.

Unter Umständen könnte man sogar die Uhren abschaffen, die nach wie vor pünktlich sind und die überschaubare Zahl an Fahrgästen hat keine Eile; man muß damit rechnen, daß sich diese öffentlichen Transportmittel einmal nicht mehr rechnen.

Hinter Thiersee gibt es ein Paradies, das so nicht im Reisekatalog steht; die Menschen dort tragen bunte Hemden, laufen tagsüber von Hügel zu Hügel, 

dösen auf Badeliegen ihre unbedeutenden Unpäßlichkeiten hinweg, knabbern an kleinen Sorgen bzgl. Form, Farbe und Falten, wechseln in den Schlaf bis zur vollendeten Schönheit, verborgen hinter Zeitungs- und Gesundheitsmagazinformaten der Welt. 

Man gewöhnt sich an diese Landschaft, genießt die Kunst einer außergewöhnlichen Küche und die Auslese besonderer Weine, dezent bedient von ausnehmend charmanten Damen und Herrn, deren schwebendes Lächeln jede kleinste Kritik im Kern zerfließen läßt. 

Und geht im Anschluß für einen exzellenten Mix an der Bar vor Anker, versprudelt mit dem small talk der Damen, links und rechts.

Hinter Thiersee hat das Glück noch einen Namen.

Hans Augustin
im November 2021

Gastfreundschaft kann mehr sein

Ein Literaturstipendium ist vielleicht eine stille Form der Kulturförderung. Es braucht keine große Bühne. Manchmal genügt es, einem Menschen für eine bestimmte Zeit etwas abzunehmen und dafür etwas anderes zur Verfügung zu stellen: Freiraum.

Denn ein Hotel ist für uns nicht nur ein Ort zum Übernachten. Menschen kommen hierher, um Abstand zu gewinnen, Gedanken zu ordnen, miteinander zu sprechen, zu lesen – oder eben zu schreiben.

Vielleicht ist das auch eine Form dessen, was wir im Juffing unter Besinnen und Beginnen verstehen: Erst wenn etwas stiller wird, entsteht Raum für Neues.

Und manchmal bleibt etwas zurück

Viele Autorinnen und Autoren waren über die Jahre im Rahmen von „Literatur am Kirchturm“ bei uns zu Gast. Sie kamen mit Notizbüchern, Manuskripten, Ideen oder vielleicht auch mit einer noch leeren Seite.

Was während dieser Tage geschrieben, verworfen, neu gedacht oder erst begonnen wurde, wissen wir oft gar nicht.

Uns gefällt der Gedanke, dass irgendwo zwischen Kirchturm und Kaiserblick, zwischen einem Kaffee am Morgen und einem Spaziergang durch Hinterthiersee ein Satz entstanden sein könnte, der später seinen Weg in ein Buch gefunden hat.